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Autokauf für „Fortgeschrittene“ in der DDR

Vorbei an der Schlange derer, die auf ein Auto warten, das war der Traum vieler. Und für manche wurde er schneller wahr als man sich das gemeinhin vorstellt. Doch hatte dies nicht zwangsläufig immer etwas mit SED-Klüngel zu tun.

Um es vorweg zu nehmen: Niemand musste auf ein Auto 15 Jahre lang warten – er durfte es aber, wenn er es wollte. In aller Regel lief der Autokauf so ab: Die Eltern bestellten bei der Geburt oder Einschulung ihres Kindes ein Auto. Wurde es volljährig und die Eltern hatten das Geld übrig – gab es ein Auto nach dem Abitur. Hatte man das Geld in den 18 Jahren nicht beisammen sparen können, wurde der Bestellschein einfach „verkauft“ an jemanden der Geld hatte, aber keine Zeit zum Warten.

Ob es im Sinne des Systems war oder nicht, darüber lässt sich im Nachhinein nur spekulieren, solange sich nicht kompetente Zeitzeugen dazu äußern. Aber de facto Usus war der „Abkauf“ eines PKW Bestellscheins von jemanden, der zwar bald ein Auto bekommt, aber kein Geld hatte um es zu bezahlen. Damit konnte man sich ein Zubrot verdienen. Ich selbst war damals noch zu jung um damit ein kleines Geschäft zu machen und weiß auch nicht im Detail, wie es ablief. Auf der Rückseite eines PKW Bestellscheins stand geschrieben:

Werter Kunde!
Wir danken für Ihre PKW-Bestellung und erlauben uns, auf folgendes hinzuweisen:

  • Diese PKW-Bestellung ist eine Vormerkung, aus der sich keine vertraglichen Ansprüche und Rechte im Sinne eines Kaufvertrages ableiten lassen.
  • Die Bestellung ist personengebunden und nicht übertragbar.
  • Der Besteller muss das 18. Lebensjahr vollendet haben.
  • Mit Ihrer umstehenden Unterschrift bestätigen Sie, keine weitere PKW-Bestellung aufgegeben zu haben.

Der Inhaber eines Bestellscheins konnte den Schein nicht übertragen, aber Geld von jemand annehmen um das Auto zu kaufen. Nach einiger Zeit wurde dann ein Kaufvertrag aufgesetzt und der neue PKW offiziell verkauft.

Hatte man selbst Geld, konnte man noch mehr daraus machen. Der Neuwagen konnte auf dem „Schwarzmarkt“ mit einem dicken Gewinn verkauft werden. Und ein Käufer fand sich auch recht schnell. Man konnte dazu auf ein bewährtes Hilfsmittel zurückgreifen: die Kleinanzeige. Die Abbildung zeigt eine Kleinanzeige in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) vom 29. September 1989. Der angebotene LADA 2107 ist vom August 1989, also lediglich ein paar Wochen alt.

Der Preis von 28 TM ist wohl nicht richtig, denn der Neupreis lag bei ca. 29 TM. Es war aber üblich, einen kleineren Preis in den Kleinanzeigen aufzugeben, damit die Staatsorgane nicht sehen, wer auf dem „freien“ Markt PKWs verschob. Denn in der Regel stammte ein 4 Wochen alter PKW von jemanden, der ihn nur gekauft hat um ihn mit Gewinn weiter zu verkaufen und das in gewerblichen Umfang. Das war natürlich nicht erlaubt, dazu hätte es eines Gewerbescheins bedurft. Es wurde aber gemacht und offenbar weitestgehend geduldet. Möglicherweise wurde bei solchen Vergehen und Ordnungswidrigkeiten auch ein Auge zugedrückt, damit die Personalabteilung der Stasi irgendwann ein schlagendes Argument bei der Motivation zum „Mitmachen im Verein“ hatte. Nach dem Motto: „Sie wissen ja selbst, wie viele Zehntausende Mark Sie im letzten Jahr durch Ihr illegales Treiben erwirtschaftet haben. Wir können da natürlich ein Auge zudrücken, wenn Sie uns in einigen Angelegenheiten helfen…“. Es wäre ja einfach zu ermitteln, ob einer das Auto eigentlich zum doppelten Neuwagenpreis verkaufen will, indem man ihn kontaktiert und sich als Käufer ausgibt. Ich glaube, es wurde vieles toleriert oder war gar heimlich vom Staat erwünscht.

Die PKW Preise auf dem Gebrauchtwagenmarkt waren zwar etwas teurer, manche sagen bis zum doppelten des eigentlichen Neuwagenpreises, aber das war eben unsere Marktwirtschaft im Sozialismus. Die Nachfrage bestimmte den Preis, es gab alles für jeden zu kaufen, wenn man bereit war, den Preis dafür zu zahlen. Die DDR redete nicht von Mangelwirtschaft, sondern Engpässen in der Produktion und Versorgung. Dank des Schwarzmarktes kam der DDR Bürger jedoch gut damit zurecht. Wer Geld hatte, konnte sich alles leisten, ohne dafür verfolgt zu werden. Mein Schwiegervater hatte auch zu DDR Zeiten einen Videorecorder und meine Frau schaute West-Kinderfilme auf Video.

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