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Der Ossi improvisiert statt zu verzweifeln

Legendär ist der Ruf der Ossis als Improvisateure und Erfinder. Ein „Geht nicht!“ gab’s nichts.

Kellerregale baute man beispielsweise selber. Antennen zum Empfang des West-Fernsehens wurden in Eigenregie gefertigt, auch wenn das nötige Aluminiumrohmaterial nicht immer gleich verfügbar war. Auch Rasenmäher, Kreissägen, Drechselbänke und vieles mehr wurden selbst gebaut. Vor allem Kreissägen und Drechselbänke waren relativ einfach zu bauen, boten aber einen hohen Nutzwert. Eigenbau Geräte waren keine Seltenheit.

Auch die Kinder und jugendlichen bauten schon fleißig eigene Geräte. Bei mir war es ein Windrad mit Fahrraddynamo zur Stromerzeugung. Bestimmt keine großartige Sache mit wirklichem Nutzwert, aber darum ging es auch nicht. In meiner Klasse wollte sogar ein Schüler Silber aus seinem Blut gewinnen, um ein kleines Herz daraus zu gießen. Die Theorie dazu hatte er im Kopf, doch sicherlich nicht genug Blut im Körper. Andere Klassenkameraden beuten selbst E-Gitarren samt Verstärker und übertrumpften sich gegenseitig bei der Erhöhung der Leistung und Senkung des Klirrfaktors.

Sicherlich war nicht jeder DDR Bürger ein Erfinder. Wer genug Geld und Beziehungen hatte, konnte sich genau so alles leisten und kaufen wie auch in der BRD. Auf der anderen Seite machten nicht wenige pfiffige Köpfe viel Geld mit ihrem handwerklichen Geschick. Sei es durch den Verkauf von Handwerkskunst auf den Flohmärkten, der Reparatur von Geräten oder dem Bau von Maschinen, Anlagen oder auch Gewächshäusern. Sogar Traktoren baute man selbst. Motor und Getriebe beispielsweise von einem Robur, Tank vom Trabant und das ganze auch noch „behindertengerecht“. So groß mußte es nicht immer sein. Viele bauten sich Messgeräte oder Konsumgüter selbst. Zu nennen ist beispielsweise ein Oszilloskop, ein elektronisches Meßinstrument zur grafischen Darstellung von Signalen auf einem Bildschirm. Beliebt war auch der Eigenbau von HiFi Verstärkeranlagen, Mischpulten, Lichteffektanlagen.

Ausgefallene Eigenbauprojekte gab es auch. In der 9. Klasse begann ich mit dem Bau eines Stickstofflasers. Damals, vor 25 Jahren, war ein Laser noch ein exotisches Ding, keine kleiner Laserdiode, die in einen Kugelschreiber paßt. Laser waren groß und kosteten sehr viel Geld. Eines Tages veröffentliche die DDR Jugendzeitschridt „Jugend und Technik“ den Bauplan eines Stickstofflasers. Ich war fasziniert und lernte die Dimensionierung des Lasers zu berechnen. Leider kam ich am ende nicht an alle Baumaterialien heran. Fesselnd war das Thema aber auch nach der Wende. Bei Conrad kaufte ich mir für über 1.000 DM einen fertigen Laser nebst Zubehör und erstellte mein erstes Hologramm von meiner Armbanduhr.

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