Die Wende – was änderte sich für mich

So sehr spektakulär war die Wende nicht für mich. Vor der Wende war ich beispielshäufiger häufiger im sogenannten Westen als nach der Wende. Und die Sache mit den Südfrüchten? Heute esse ich genau so viele Bananen und Orangen wie damals – einige Wenige im Jahr. Meine Reisefreiheit damals Als Frührentner durfte ich schon in der DDR regelmäßig in den Westen zu meiner Verwandtschaft fahren. Im Jahr 1964 beschloss die DDR-Führung ein neues Reisegesetzt für Rentner und Frührentner. Einmal im Jahr durften wir für vier Wochen unsere Verwandten in der Bundesrepublik und West-Berlin besuchen. Wer keine Verwandten im Westen hatte, hatte zunächst Pech. Erst 1984 wurde diese Reiseregelung erweitert für Freunde und Bekannte. Meine Reisefreiheit heute Heute dürfen wir in fasst allen Ländern dieser Welt Urlaub machen. Aber können wir das auch? Mit einer kleinen Rente ist nicht nur die weltweite Reisefreiheit eingeschränkt, sondern auch die „kleine“ Reisefreiheit innerhalb der neuen Bundesländer. Wo man damals wegen der Mauer nicht hin kam, kommt man heute wegen Geldmangel nicht hin – was hat sich also für mich und viele Andere wirklich in Sachen „Reisefreiheit“ geändert? Konsumfreiheit Die Konsumfreiheit bezeichnet das Recht eines Verbraucher, mit seinem verfügbaren Einkommen die Produkte und Dienstleistungen zu erwerben, die er sich wünscht und dessen Preis-Leistungsverhältnis angemessen erscheint. Als Frührentnerin standen mir weder zu DDR noch BRD Zeiten viel Geld zur Verfügung. Mein Ehemann war bei der Bahn angestellt und brachte auch nicht die große Lohntüte nach Hause, aber gemeinsam lernten wir, mit unserem verfügbaren Einkommen auszukommen. Unsere Konsumfreiheit wurde nicht nur vom Angebotsmangel, sondern auch von unserem kleinen Geldbeutel eingeschränkt. Zwar waren Mieten und Nebenkosten sehr billig, aber ein Farb-TV für 6.000 DDR-Mark passte nie in unser Budget. Nach der Wende erlebten wir auch nicht die große „Konsumfreiheit“. Jetzt kostete der Farb-TV zwar nur ein Bruchteil der ehemaligen Kosten, dafür schnellte die Miete auf ein Vielfaches hoch. Am Ende war jeden Monat unser Geld weg (egal ob vor oder nach der Wend) und die Sparbüchse blieb leer. Nur die Ausgaben-Positionen verschoben sich. Ein Auto nach der Wende? Davon hatten mein Mann und ich nichts. Zu DDR Zeiten hatten wir nie das Geld für einen PKW, weshalb mein Mann nie einen Führerschein machte. Nach der Wende bestand zwar die Möglichkeit einen Gebrauchten zu erstehen, dafür konnte er sich nie das Geld für den Führerschein leisten. Endlich ein eigenes Telefon! Ja, das war eine positive Sache der Wende. Vorher bestand nur Briefkontakt mit Platz für wenige Worte – jetzt konnten wir ganz anders mit Freunden, Verwandten und Familie kommunizieren. Das war prima! Öffentliche Verkehrsmittel bestimmen, wo wir ohne eigenen PKW hinkommen. Eigentlich fasst rund um die Uhr an alle möglichen Orte. So war das zumindest zu DDR Zeiten. 20 Pfennige kostete eine Fahrt, egal wie lang. Heute kostet eine Stundenkarte in Leipzig 2,70 Euro – das hat sich für mich verändert. Beim Nachbarn klingeln und fragen: „Haben Sie mal etwas Zucker für mich?“ – das ist weg gefallen, Nachdem wir umzogen, fanden wir kein gewohntes Mieter-Kollektiv vor. Alle sind misstrauisch, schotten sich ab. Gefühlt habe ich das Gefühl einer gestiegenen Kriminalität. Zum Geldautomat gehe ich nicht mehr allein. Beim einkaufen bewege ich mich lieber auf stark frequentierte Straßen statt Schleichwege zu nutzen. Im Konsum gibt es heute 15 verschiedene Buttersorten. Aber mal ehrlich – damals kaufte ich nur eine Buttersorte und heute nur eine – mich bereichert das Butterangebot keineswegs. Wirklich viel geändert hat sich für mich nichts. Damals eine kleine Schraube in der Maschine – heute eine kleine Schraube in der Maschine.