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Kampflieder im Alltag der DDR

Die DDR mit ihrer vormilitärischen Organisation „GST“, der Jugend-Organisation FDJ und den propagandistischen Slogans der SED mag den Eindruck erwecken, jedes Kind und Jugendlicher hätte vor dem zu Bett gehen inbrünstig ein Kampflied unter dem Bild Erich Honeckers geträllert.

So wie heute jeder seinen Alltag anders empfindet, nahmen in der DDR die Menschen ihn ebenfalls in verschiedenen Facetten und Farbtönungen war. Der einfache Arbeiter machte seine Arbeit, die ihm sicher war. Er kam Nachmittags nach Hause, hatte abends das Essen auf dem Tisch. Er freute sich auf das Wochenende, wo er mit seiner Familie Essen gehen konnte, ins Kino, dem Zoo, der Kneipe, Disco oder einfach eine kleine Reise unternahm. Der einfache Mensch kümmerte sich nicht um die „Politik der Großen“. So wie heute. Nur mit dem Unterschied, daß der „einfache Arbeiter“ heute keine finanzielle Sicherheit auf Lebenszeit hat, kulturelle Aktiväten vom Geldbeutel abhängen und er Stress ausgesetzt ist. Der heutige „einfache Arbeiter“ nimmt unsere Geselschaft anders war als ein gut positionierter Arzt, ein gut bezahlter „Intellektueller“ oder Politiker.

So war es auch damals. Der Arbeiter war froh über seine abgesicherte Existenz, das unkomplizierte Leben mit seiner Familie. Der Leser möge in der Rubrik „Preise aus der DDR“ stöbern. Wirklich jeder konnte sich Kinobesuche, kulturelle Aktivitäten oder Ausflüge in Gaststätten leisten. Heute ist das für viele Familen unmöglich.

Der Bürger mußte dafür nicht den ganzen Tag herum marschieren und Kampflieder singen. Das DDR-System war ein „Schein-System“. Es gab sich nach außen total politisch, dem Kommunismus verschrieben. Offiziell wurden die wildesten Parolen heraus posaunt. Das Sytem gab sich provokativ „Kommunistisch“. Der Alltag sah aber anders aus. Heute wird das Tragen eines FDJ Hemdes als staatsfeindliche Aktivität verfolgt. Wir konnten damals die Flagge der BRD auf unseren Parka tragen, der „Kutte“, ohne belangt zu werden. Ich rede von den 80’er Jahren.

Ja, in der Schule gab es Musik-Unterricht. Wir sangen keinen Rap, keine Schlagermusik, wir übten Noten und Melodie an Volks- und „Kampfliedern“. Oder von den Beatles ihr „Let it be“. Zu meiner Zeit wurden sogar Songs wie „Wozu sind Kriege da?“ diskutiert.

Es gab gelegentlich staatlich verordnete Feste und Anlässe, da wurden die Klassen und Brigaden mobilisiert. Das gehörte zu den Zeremonien der Ideologie. Es wurde auch gesungen. Und was gesungen wurde war natürlich kein Song von „Bushido“ oder Lindenberg, sondern …

Auch ich lernte im Musikunterricht all diese „Kampflieder“, empfand sie aber weder als „Kampflieder“ noch wurde ich benachteiligt, weil ich zu „faul“ war und nicht wirklich mit machte.

Die DDR folgte den Zeremonien der veralteten UDSSR-Führung. Da knutschte sich noch Honnecker mit Gorbi. Im richtigen Leben säßen die beiden wohl kaum in der Gartenlaube beisammen und würden sich abknutzschen. Bei der Mafia stand das Geknutsche für den „Todeskuss“. In der UDSSR für „Brüderkuss“. Diese Rituale gehörten dazu. Dem „Schein“ veralteter „was auch immer“.

Das war aber nicht unser Alltag. Wie auch das Singen von „Kampfliedern“, was jedoch niemand überbewertete. Unser Alltag bestand aus Arbeit, zurück lehnen und der Idee, dass es einem im Grunde recht gut geht.

In der Schule lernten wir auch Lieder wie: „Hab den Wagen voll gelden mit alten Weibern“. Oder „Ob er aber über Oberammergau“. Wenn es um DDR und Musik-Unterricht geht, werden gern aus dem Schulstoff die „Kampflieder“ heraus gepickt. Mein 6 jähriger Sohn Angel würde sagen: „Das ist unfair!“

Im „kalten Krieg“ wollte jedes System mit Alleinstellungsmerkmalen überzeugen. Die BRD wollte mit „totalitärem Konsum“ überzeugen. Obwohl das Thema dort selbst angeprangert wurde. Man denkt an John Carpenter Film „Sie leben“ aus dem Jahre 1988.

Die DDR wollte auftrumpfen durch die Idee eines Arbeiter und Bauernstaates. Dazu gehörten motivierende „Kampflieder“.

Abseits der Propaganda des jeweiligen Systems lebten die real existierenden Menschen jedoch in einer ganz anderen Welt. Die real existierenden BRD Bürger hatten ganz andere Probleme, als die von der Werbung vermittelten „Calgonit“ Probleme. Es „klappte mit dem Nachbarn“ auch dann, wenn der seine Gläser nur mit Wasser spülte.

Und in der DDR war man auch ohne Kampflieder und politischen Kundgebungen glücklich. Es wurde keiner bestraft, wenn er nicht zum „1.Mai“ marschierte. Ich muß zugeben, ich war bei all den Terminen präsent. Mit der ganzen Klasse – im „Blauhemd“. Und irgendwie war das okay, weil man schulfrei hatte.

Was wäre aber gewesen, wenn ich nicht in der Klasse zum 1.Mai aufgetaucht wäre? Ich kann es verraten: Ich wäre nicht in den Kinder-Knast gekommen, sondern die Klassenlehrerin hätte mich am nächsten Tag vor versammelter Manschaft gefragt: „Und Reiner, warum warst Du nicht da?“.

Und nun kommt die Psychologie ins Spiel. Alle gehen zum 1. Mai. Es hat sich einfach so eingebürgert. Wenn du außer der Reihe tanzt, machst du dich zum Außenseiter.

Heute gehen alle zur weihnachtlichen Betriebsfeier und gratulieren dem „Chef“. Wenn Du es nicht tust, wirst Du argwöhnig betrachtet, deine „Ausreden“ werden abgewogen. Kannst du den Chef nun nicht leiden, oder was ist da los? Pfeiffst du auf dein Team und machst dein eigenes Ding? Bist du egoistisch? Hast du keine Achtung vor dem Team und dem Chef? Das ist der ganz normale Grupppenzwang.

Auch heute tanzt keiner gern aus der Reihe, weil er weiß was das bewirken könnte. Das hat nichts mit Politik zu tun. Es ist das normale „Herdenverhalten“.

Aus diesen Gründen machten auch damals alle „mit“. Nicht wegen der Politik, dem System oder der Kampflieder. Sondern weil es damals wie heute ist: Wer aus der Reihe tritt, fällt schnell unten runter. Gehört nicht mehr zum „Team“.

In der DDR wurden im Musik-Unterricht viele sogenannter „Kampflieder“ eingeübt. Aber keiner nahm sie wirklich für überaus wichtig. Sie gehörten zum Schulstoff, wurden desweilen gesungen und gut war es damit.

Unsere Jugend ging in die Disco und rockte ab zu Songs von „A-Ha“, „Grand Master Flash“, „Michael Jackson“, „Madonna“, „Cool & the Gang“, „The Cure“, „Depeche Mode“ und andere internationale Musikgrössen.

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