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Was war eigentlich „typisch DDR“?

Wenn es um die Frage geht, was in der DDR gut war und was man sich bewahren sollte, denken die meisten an Politik oder gesellschaftliche Errungenschaften der DDR. Aber es gab auch vermittelte Werte in der DDR, Mentalitäten und Eigenheiten der Ex-DDR Bürger, die grundsätzlich auch bei Bürgern der BRD anzutreffen waren, im Osten aber einen viel höheren Stellenwert besaßen. Es gibt vieles, mit dem man einen typischen DDR Bürger in Verbindung bringen könnte. Was davon lediglich Vorurteile oder unterstellte Eigenschaften sind, bleibt natürlich zu hinterfragen.

Einige typischen Eigenschaften sind jedoch das Resultat der damaligen Umstände in der Ex-DDR und somit nachvollziehbar.

Beispielsweise war die DDR ein Land der Nackedeis, des FKK, auch wenn bis 1956 an der gesamten Ostsee ein FKK Verbot bestand. Aus dieser Zeit ist auch eine lustige Geschichte über Johannes R. Becher überliefert. Johannes R. Becher war ein bedeutender Dichter, Verfasser der Nationalhymne der DDR und Kulturminister der DDR von 1954 bis 1958. Als er einmal eine nackte Frau am Strand sah, rief er ihr zu: „Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?“. Was er nicht wußte, die alte Dame war die ebenfalls bedeutende Schriftstellerin Anna Seghers und Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR, die er nicht erkannte. Die Spitze bekam er zurück, als Anna Seghers die Laudatio Bechers bei der späteren Verleihung des Nationalpreises unterbrach und zu diesem sagte: „Für Dich, Hans, immer noch alte Sau.“ Ja, die Intelligenz bekannte sich zur FKK. Man mag es nicht glauben, das Volk begehrte auf und die Führung der DDR Diktatur erlaubte FKK an der Ostsee wieder, beugte sich dem Willen des Volkes. Die Staatsführung ging nicht mit Waffengewalt gegen nackte Andersdenkende am Badestrand vor. Die Bevölkerung hingegen sah dies als einen kleinen Sieg gegen das System, symphatisierte mit den Initiatoren der DDR FKK Bewegung und wollte auch „frei“ entscheiden können, ob sie nackt oder bekleidet baden.

Ab den 70er Jahren wurde FKK eine regelrechte Plage in der DDR. Ich war noch ein Kind, aber fand das ewige Nacktbaden aber peinlich. In der ersten Klasse wäre ich sogar fast ertrunken, weil ich meine Badehose nicht loslassen wollte. Schwimmunterricht in der Schwimmhalle. Der Gummi meiner Unterhose riss und sie nahm sich vor, herunter zu rutschen und ich hatte Angst vor dem Gelächter der anderen Mitschüler. Um keinen Preise wollte ich meine Badehose loslassen. Seit dieser Zeit passte ich immer auf, meine Badehose nicht zu verlieren. Die meisten in der DDR erwärmten sich aber für die FKK. Irgendwann, als ich ein junger Mann war, fand ich FKK dann garnicht so schlecht. Die Mädels sahen gleich, was zur Debatte stand, um es mal so jugendlich salopp zu formulieren. Zum Verhängnis wurde mir mein neuer FKK Faible erst nach der Wende. Mit meiner damaligen Freundin unternahm ich meine erste „Weltreise“: per „Anhalter durch die Galaxis“ … sorry, per Anhalter durch Italien. Am Gardasee fanden wir es schön. Nachts nackt baden und danach nackt am Strand einschlafen. Am nächsten Morgen wurden wir von ausländischen Tiraden geweckt. Wie sich heraus stellte, meckerte ein Italiener uns an. Ich wußte ja beim besten Willen nicht, was er sagte oder bemängelte, lächelte ihn nur an. Man ist ja nett und fühlt sich nicht gleich angegriffen. Das brachte den älteren Herren noch mehr auf die Palme. Ich legte mich nackt wieder hin und ignorierte die Kommunikationsversuche des Einheimischen. Bis bewaffnete Carabinieris vor uns standen und die Handschellen zückten. Mein Gott, was war da nur los? Ich wurde in all den Jahren in der DDR nie verhaftet, weil ich an einem Strand lag. Warum wurde ich jetzt verhaftet? Ganz einfach: In Italien gibt es ein Nacktbadeverbot. Jedenfalls 1990. Ohne Oben war bei Mann und Frau okay, aber ohne Badehose zu baden wurde mit einem Ordnungsgeld bestraft. In den letzten Jahren hat sich diese Einstellung in Italien ja sogar noch verstärkt und oben ohne ist jetzt auch verpönt und teilweise unter Strafandrohung verboten.

Die Ossis jedoch erkämpften sich die Freiheit, nackt baden zu dürfen und zelebrierten dieses Recht ausgiebiger als in der BRD oder Italien, wo es unter Strafe stand. Dass die Ossis mehr mit FKK am Hut haben, ist im Grunde Resultat einer politischen Konfrontation zwischen Bevölkerung und Staatsführung. Man wollte es denen zeigen, dass man sich durchsetzen kann.

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