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Ist „Reisefreiheit“ wichtiger als das tägliche Brot und eine warme Wohnung?

Der antifaschistische Schutzwall sperrte nicht nur die bösen West-Provokateure aus, sondern hinderte auch die Bürger der ehemaligen DDR an einer Reise in den Westen.

mancher Nörgler greift heute gerne das Thema „Reisefreiheit“ auf und sucht nach Mitleid bei den Wessis. Gut, ich träume auch von Reisen in alle Welt. Nach Ägypten, selber einmal vor diesen kulturhistorischen Bauten stehen. Aber auch Athen oder Italien würde mich reizen. Es ging aber halt nicht und man hat sich damit arrangiert.

Aber wie viele Westdeutsche sind in ihrem Leben nicht ein einziges Mal über die Grenzen ihres Landes gereist? Sie dürften aber können es nicht. Ein guter Bekannter beispielsweise hat einfach kein Geld dazu. Genau so wie ich mir in der DDR eine Reise nach Ägypten abschminken konnte, kann er es immer noch. Andere haben einfach keine Zeit. Ich lebe seit acht Jahren mit meiner Frau und kein einziges Mal machten sie oder ich Urlaub im Ausland. Sie war aus geschäftlichen Gründen mehrmals in Luxemburg. Ich war in dieser Zeit vier Tage in Spanien um eine spanische GmbH zu gründen. Schimpfe ich aber deshalb auf das Leben? Sollen wir die Ossis nun bemitleiden, weil die Armen nicht in die USA fliegen konnten? Na danke!

Ein politisch interessantes Argument ist es natürlich und über Poltik im allgemeinen lässt sich natürlich prächtig streiten. Aber auch da muss man enorm differenzieren, wer wirklich ein Betroffener ist, der in der ehemaligen DDR Unrecht erlitten hat, oder einfach nur Stimmungsmache betreibt, ohne selbst etwas erlebt zu haben. Das möchte ich ausdrücklich betonen, denn mit Sicherheit gab es üble Einzelschicksale. Ich kenne solche nicht, möchte aber niemandem auf den Schlips treten. Ich selbst kann aber eine Erfahrung beisteuern.

Es war Anfang der 8. Klasse. In den Sommerferien war ich arbeiten um mir für mein Hobby Elektronik teure Bauteile kaufen zu können. Mein Vater sah es natürlich völlig anders. Ich sollte einen Teil des Geldes für meine Schulsachen ausgeben. Da stand ich dann nun – Schulsachen fehlten. Peinlich. Und ich war aufgebracht. Ich wollte von zu Hause weg, ausreissen, weglaufen. Ich weiß heute nicht, was damals in meinem Kopf vor sich ging, aber ich nahm die Beine in die Hand. Genauer gesagt, mein Tafelwerk, Taschenrechner und einige Fachbücher. Die Geografie wurde anhand des Schulatlas erkundet. Ich erinnere mich an eine Stadt in der DDR, die genau an der Grenze lag und ein Bach der Grenzstreifen war.

Ich fuhr also zur Grenze der CSSR, überquerte sie nachts und wollte von der CSSR in den Westen. Mit 14 Jahren. Zuvor deckte ich mich noch mit Lebensmittel ein, damit ich tagelang durch die Wälder marschieren konnte. In der GST, der vormilitärischen Ausbildung, hat man ja gelernt, wie man sich durch fremdes Gelände schlägt. Und ich war einer der Besten im Gelände. So eine läppische Grenze nehme ich doch in Handumdrehen ein. Na ja, das war die Theorie. Ich war 14 und hielt mich für Erwachsen. Für einen richtigen Kerl. Aber ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich mir das Leben in der BRD vorgestellt hatte, als Kind ohne Eltern. Okay, die Grenz nahm ich im Handumdrehen.

Die erste Nacht in der CSSR verlief auch wie im Pfadfinder-Leben, richtig Cool. Mit einem Rucksack durch Feindesgebiet. Bis auf einem Waldweg ein Lada Niva ankam. Ich fühlte mich in Sicherheit, weil die Grenze ja hinter mir lag. 20 Kilometer hinter der Grenze fahren wohl nur Förster durch den Wald. Ha ha, falsch gedacht. Es waren zivile Grenzer. Sie sprachen mich an und recht schnell saß ich im Ost-Jeep. Sie merkten, dass ich illegal über die Grenze machte, zu jung war und die Absichten lagen auf der Hand. Aber sie waren freundlich.

Flugs war ich wieder in der DDR, in einer Art Kinderheim. Es war so etwas wie ein „Auffanglager“. Im Zimmer waren noch andere Kinder von überall her. Offenbar war ich in der DDR nicht das einzigste Kind, das heimlich über die Grenze wollte. Ich blieb nur eine Nacht dort. Am nächsten Tag holte mein Vater mich ab. Wie ich von ihm erfuhr, lief er die ganze Nacht durch Leipzig, weil er mich suchte. Er hatte Angst dass ich tot bin. Als der ABV vor seiner Tür stand und von mir erzählte, machte er sich gleich auf die Socken. In Leipzig angekommen, sprachen wir uns aus und lagen uns am Ende weinend in den Armen. Es war das erstemal, dass ich das Gefühl hatte, mein Vater liebt mich. Damals waren Väter einfach nur Väter, Gefühlsduselei gab es nicht, Respekt bestimmte den Umgang mit dem Vater, der nur nach der Arbeit zu Hause war, wenn der Sohn fast schon im Bett war.

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